Montag, 4. November 2013

Prag: auf der Suche nach der goldenen Kulisse

Kurz vor der Grenze taucht dieses Straßenschild vor uns auf. Bekannte Buchstaben reihen sich in unbekannter Reihenfolge aneinander. Ein Wort jedoch sticht heraus "Vignette". Ich beschließe meiner Verwunderung mit Ignoranz zu begegnen. Nicht so meine Mitfahrer. "Stand da gerade Vignette?" Und schon bricht die ahnungslose Diskussion los. Gilt das nur für LKWs? Nee, Vignette ist doch auch für Personenwagen. Gibt es in Tschechien tatsächlich Vignetten?

Man kann es nicht anders sagen: wir sind nicht vorbereitet. Wir haben uns ins Auto gesetzt und sind losgefahren. Ohne Geld, ohne Ahnung. Wir haben nicht mal die Grenze überschritten und es ist schon unverkennbar. Natürlich kann der verzweifelte Tourist an der Grenze mit seinen Euros noch schnell eine Plakette erwerben. Für 10 Tage. Wer hat sich die 10 Tage eigentlich ausgedacht? Warum nicht für eine Woche oder sonstige Zeiträume. Nein, 10 Tage sollen es sein.

Wir setzen unsere Fahrt in Richtung Prag fort. Begleitet werden wir von tief hängenden Wolken, die mit einem Regenschleier unsere Fahrt begleiten. So fahren wir in Prag ein. Wir erblicken die ersten wundervollen Häuser, doch von goldener Stadt ist leider wenig zu sehen. Die Wolken verhindern den Blick. Und das wird auch so bleiben, auch wenn wir das zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen.

Der Wenzelsplatz in seiner prächtigen Form
Kurze sonnige Momente mit der Absicht uns versöhnlich zu stimmen

Die Wohnung befindet sich in Praha 2 (dazu natürlich in Kürze mehr). Sie strahlt  gegen das Wetter an. So sehr, dass es schwer fällt, überhaupt nochmal in den Regen zu gehen. Ein kurzer Fußweg führt uns zum Wenzelsplatz. Wobei Platz ein bißchen übertrieben ist, es handelt sich doch eher um das Ende einer Einkaufsstraße. Wir erblicken das berühmte Denkmal und kapitulieren zur gleichen Zeit. Es schüttet in Strömen.

Das wunderbare Lokal nicht weit von unserer Wohnung rettet den Abend. Das Bier ist günstig und das Essen der Wahnsinn. Fleischlastig, man kann es nicht anders sagen. Wer auf der Suche nach Gemüse ist, sollte einen Salat bestellen, ansonsten wird es eng. Trotz allem: ob morgens, mittags oder abends, wir wurden beim Essen nie enttäuscht. Es gibt unzählige wunderbare Cafés und Lokale (auch außerhalb der Altstadt). Ob urig, szenig, gemütlich, alles ist zu haben und die Bedienungen sind ohne Ausnahme entzückend und aufmerksam.

Bars und Kneipen: einfach irgendwo fallen lassen, wir fühlten uns immer sofort wohl

Der nächste Tag führt uns in die Altstadt Prags. Grau ist es geblieben, doch wir werden mit Nieselregen statt Starkregen belohnt. Trotz des miesen Wetters haben sich noch viele andere Touristen in die Stadt verirrt. Sehr viele. So viele, dass es kaum möglich ist, nicht permanent angerempelt zu werden.

Schade, denn die an diesem Tage vermeintlich goldene Stadt ist wirklich wunderschön. Selten habe ich einen solchen Reichtum an Details an einer solchen Masse von Häusern gesehen. Figuren, Verzierungen oder einfach geschmackvolle Bauten. Der Blick von der Karlsbrücke lässt einen fast eine Filmkulisse vermuten. Wenn da nur die Menschen nicht wären.

Blick auf die Karlsbrücke aus sicherer Touristenentfernung

Doch wie so häufig in Städten, die kurz vor dem Touristenkollaps stehen, muss man nur mal eine Straßenbiegung nehmen und schon kehrt plötzliche Ruhe ein. So auch in Prag. Wir entdecken weitere kleine Lokale an der Moldau, Liebesbekundungen an Brücken und schließlich die John-Lennon-Wand. An ihr zu stehen wird mein Moment an diesem Wochenende. Nicht, dass ich explizit John Lennon Fan wäre. Doch es gibt Atmosphären. Und eben diese Atmosphäre nimmt mich dort gefangen. Ein einsamer Gitarrist beglückt uns ruhig und hinreißend mit den alten Liedern, ansonsten herrscht Stille auf dem Platz. Ich habe meine Oase gefunden und es fällt mir schwer, mich loszureißen. Ich möchte bleiben, wen kümmert schon der Regen.

Meine kleine Oase...
...die John Lennon Wand
Eine von vielen Brücken, die genau so aussahen


Doch wir erkunden weiter die Stadt. Ich liebe es, einfach herumzulaufen. Keine To-Do-Liste. Keine Pflichten. Die Stadt soll auf mich wirken, viel mehr möchte ich nicht. Ich bin kein großer Museums-Gänger, auch wenn es davon in Prag unzählige gibt und es eine naheliegende Idee ist. Wir steuern den alten jüdischen Friedhof und die Synagoge an. Dabei bleibt es, denn wer mitdenkt weiß, hier steht man samstags vor verschlossenen Türen. Es soll einfach nicht sein.

Prag lässt mich ratlos zurück. Der Regen, die Menschenmassen, all das hat mich deprimiert. Doch ich glaube zu erkennen, warum jeder von Prag fasziniert ist. Die Stadt ist wirklich unbeschreiblich vielfältig. Und gleichzeitig wickelt sie mich mit ihrem Kleinstadt-Charme um den Finger. Denn es lässt sich vieles erlaufen. Prag ist klein und das mag ich. Sie hat es uns wirklich nicht einfach gemacht und doch haben wir uns alle ein bißchen verliebt. Ob es zur großen Liebe reicht, das weiß ich noch nicht. Aber ich werde Prag nochmal eine Chance geben!

Und wie um zu sagen "hey, so können wir doch nicht auseinander gehen!" erwartet uns am Abreisetag ein strahlend blauer Himmel. Ist es Hohn oder ein Versöhnungsangebot? Ich glaube fest an die Versöhnung. Denn am Ende zwinkern uns die goldenen Türme der Stadt doch noch im Sonnenlicht zu.

Und es geht doch!

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